Archive for the 'wörter' Category

Neue Wörter: Neuer Name für neues Recht

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Aus dem Debug-Waldt ruft es nach einem Namen für unser aller neustes und liebstes Kind, dem süßen, kleinen „Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme„. Und weil der Name eben gar nicht so süß klingt, wie er sollte, muss ein neuer her. Weniger Hubert, mehr Amélie.

Der große Bruder des Neugeborenen (sie haben ja zumindest einen gemeinsamen Elter) hört auf den Namen „Recht auf informationelle Selbstbestimmung„, was wir einigermaßen griffig finden. Mit dem neuen Kind ist jetzt wohl eher sowas wie der Schutz vor Computer- oder Datenfriedensbruch gemeint. Es geht um die Unverletzlichkeit privater Datensysteme, um einen Schutz vor „heimlicher Infiltration eines informationstechnischen Systems„. Also: Recht auf Datenfrieden? Naja, vielleicht…

Bild von RaeA.

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Frage des Tages: Der Bindestrich

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Der Bindestrich scheint ein guter Freund zu sein, wenn wir englische und deutsche Wortkombinationen bilden müssen oder bloggereske Sprachkreativität zeigen wollen. Doch heute und schon öfters haben wir uns gefragt, wann und bei welchen Wörtern man den Bindestrich genau verwenden darf, muss oder soll. Heißt es jetzt „E-mail-Kontakt“, „Email-Kontakt“ oder „Emailkontakt“?

Wollen wir es gut deutsch geregelt oder auch nur wissen, wer die Regel vor-schreibt, die es eventuell wert ist gebrochen zu werden, müssen wir den Rat für deutsche Rechtschreibung fragen. Der schreibt aber gar nix vor, sondern schlägt vor; und zwar in §40 bis §52, dass ein Bindestrich gesetzt werden muss bei Zusammensetzungen mit Einzelbuchstaben (x‑beliebig), mit Abkürzungen (UV‑bestrahlt) und mit Ziffern (100‑prozentig). Ok, das überrascht nicht. Genaueres hier. Interessant finden wir eher folgende Vorbemerkung zu den entscheidenden Paragraphen:

Der Bindestrich bietet dem Schreibenden die Möglichkeit, anstelle der sonst bei Zusammensetzungen und Ableitungen üblichen Zusammenschreibung die einzelnen Bestandteile als solche zu kennzeichnen, sie gegeneinander abzusetzen und sie dadurch für den Lesenden hervorzuheben. 

Das bedeutet ja dann – juhu! – der Bindestrich steht zur freien Verfügung und ist tatsächlich der Kreativität des Schreibenden überlassen. Bindestriche zwischen Substantiven können einfach da gesetzt werden, wo sie der Schreibende für sinnvoll hält.

Das Bild des Waisen-Bindestrichs ist von The Stakhanovite Twins. Das hier zitierte Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung gibts als massives PDF hier, das ganze online und übersichtlicher hier.

Neue Wörter 03: Mit Wörtern reden

Gerade mit dem Chemiebaukasten der deutschen Sprache können wir fast unbegrenzt Wörter zusammensetzten und reagieren lassen. Was dabei so ausflocken oder hochgehen kann, sieht man unter anderem an den Wörtern und Unwörtern des Jahres. 2007 waren das „Klimakatastrophe, die“ und „Herdprämie, die“. Welches von denen Wort und welches Unwort ist, könnt ihr euch selbst aussuchen.

Auf jeden ist es gut, wenn jemand Ausschau hält nach Neuem. Und das macht nicht nur die Gesellschaft für deutsche Sprache, sondern auch das tolle sprachwissenschaftliche Projekt Wortwarte. Für den 07.02.2008 haben sie unter anderem „Adoptivsprache, die“ oder „Handyverbrennung, die“ ausgeguckt. Da macht es auch nix, dass deren Seite verdammt typisch nach Uniserver aussieht.

Wir wollen sagen: (Neue) Wörter brauchen Aufmerksamkeit. Sie wollen gefragt werden, was sie meinen, wie sie zu verstehen sind und was sie verdecken. Das Wort „Worthülse“ z.B. fragt Wörter so etwas. Gerade Politiker sind die besten Freunde von Worthülsen. Also bitte redet mit den Wörtern.

Das Bild hier links ist von ninaaa. Bei der Suche nach passenden Bildern über Wörter sind uns aber auch andere Wortfotografen aufgefallen, z.B. r000pert.

Berliner Gazette: Schon schön

Wie verwendet man „schön“ als Begriff, und was hat die Kunst damit zu tun? Wirklich alle Antworten dazu von mir hier.

 

 Bild von dustpuppy

Texte täuschen!

Warum? Das habe ich hier in der Berliner Gazette erklären dürfen…

Etikettenschwindel

ZDF-Mediathek“ klingt zwar nicht so cool, vielleicht aber besser als „zedfr beta“. Hätte ja passieren können. Sie funktioniert auf jeden Fall wirklich gut. Da hab ich das Nachtstudio vom 06.11.2006 gesehen. Dazu kann man erst mal sagen, dass das ZDF Nachtstudio nicht so richtig geil ist, aber wenn man fernsehförmige Theorie will, geht das. Beim Schauen ist mir dann eingefallen, dass ich gestern schon mal einen Logbucheintrag der Berliner Gazette kommentieren wollte, es aber nicht getan habe. Da stand nämlich:

Überhaupt mache ich die Erfahrung, dass, wenn man beispielsweise den Adorno zur Theoretisierung der praktischen Welt heranzieht, dies von der angesprochenen Seite als „alte 68er“-Sache abgetan wird. Die Welt sei nun mal heute anders. Nicht wahr. Und all das gildet eben nicht mehr. Sagt man dann aber sowas wie Derrida oder Luhmann, Bourdieu oder Habermas, dann wird man ernst genommen. Denn die sind ja noch halbwegs aktuell. Die Kraft des Arguments steigt mit dem Label.

Zuerst muss ich Recht geben: Natürlich haben Theorienamen oft die Wirkung, dass sie Gesagtem Autorität verleihen. Außerdem freut es mich immer, wenn jemand Spaß findet an Luhmanns scheinbarer Trivialität. Aber – und dem Autor geht es ja genauso mit Adorno – die Theorienamensnennung kann auch nach hinten losgehen. Und jetzt kommt der Zusammenhang mit der Nachtstudiosendung. Zu Gast waren Julian Nida-Rümelin, Eugen Drewermann, Josef H. Reichholf und Dirk Baecker. Letzterer ist soziologischer Systemtheoretiker in der Tradition Niklas Luhmanns. Man muss nichts über Systemtheorie wissen, um vermuten zu können, dass „System“ eine zentrale Kategorie in dieser Theorie ist. Alle in der Runde haben den Systembegriff verwendet, ich meine sogar der esoterische Drewermann, und warum auch nicht. Der einzige aber bei dem ich mich nicht erinnern kann, dass er „System“ gesagt hat, war Dirk Baecker.

Ich kenne das auch so, nämlich dass ich versuche, eine systemtheoretische Herleitung oder Begründung ein wenig zu verschleiern, indem ich eine andere Sprache benutze. Baecker sagt dann z.B. „Religions-…zusammenhang“, statt Religionssystem. Es ehrt ihn im Übrigen ja, dass er versucht die Theorie verständlicher zu präsentieren. Aber es scheint auch so, dass man auch mal das Label einer Argumentation verdecken will, um die Anschlussfähigkeit von Argumenten zu steigern.

Bild von abominable_eagle

Kultur ist Nichts

Susanne Lederle fragt bei der „Berliner Gazette“, ein „digitales Mini-Feuilleton“ (wunderbar), in einem unterhaltsam-kritischen Text, nach einem Ersatz für den Begriff „Kulturschaffende“. Bleed hat uns hierdurch darauf aufmerksam gemacht, aber wir wollen es jetzt doch nicht bei einem Kommentar dort belassen.

„Schaffen“ ist bestimmt keine Perle moderner Sprachnutzung, zumindest in diesem Kontext nicht. Man „schafft“ eher Welten und Symphonien, scheint uns. Man „schafft“ aus dem Nichts; und gerade das widerspricht so sehr der Form, in der die meisten Medien und gerade Blogs arbeiten (nämlich indem sie sich gegenseitig beobachten und kommentieren), das es fast leicht scheint, etwas passenderes als „Schaffen“ zu „schaffen“, einzuführen (nein), zu produzieren (hmm?), anzustoßen (ok, weil mehr auf Zusammenhänge bedacht). Aber durch eine bloße Ersetzung von „Schaffende“ ist gar nix gewonnen. „Kulturanstoßende“ ist wahrscheinlich nur das Bescheuertste unter allen möglichen Endungen und Formen für „Kultur“.
Denn wie auch bei Susanne Lederle finden wir die Fragwürdigkeit des Begriffs „Kultur“ führend. Kultur ist das Problem. Soweit wir das überblicken können, gibt es da natürlich auch schon länger eine ausgiebige akademische Diskussion zu, und als Luhmann-Sympathisant haben wir natürlich (wie auf alle Fragen) sofort eine knackige Antwort parat: Kultur ist der Name des Gedächtnisses der modernen Gesellschaft. So. Wäre das also geklärt.
Natürlich nicht. Obwohl es schon ein schöner Hinweis darauf ist, dass „Kultur“ potenziell mal alles sein/werden kann. So kommt „Kultur“ dann auch einerseits als Leerformel für eine angebliche Gesamtbeschreibung gesellschaftlicher Zuständen daher („Der Chinese an sich hat ja schon eine ganz andere Kultur“). Andererseits ist es aber auch oft genug als als Synonym für „Kunst“ zu lesen und hören. Zweites ist zwar immer noch komisch und scheinbar überflüssig, aber wir sind hier schon näher an den verflixten „Kulturschaffenden“ dran. Zu den Kunstherstellern komme aber noch mindestens die professionellen Kunstbetrachter und -kommentierer, und außerdem die, die über künstlerisch-literarische Mittel irgendwas beschreiben (Feuilleton). Vielleicht muss man auch noch die dazu nehmen, die etwas machen, was sich viele (noch) nicht Kunst zu nennen trauen (z.B. Techno ist dann „Dienstleistung“ oder eben „Jugendkultur“). Da sind dann schon wesentlich mehr dabei, als im klassischen Künstlerbegriff eingesperrt waren. Wahrscheinlich vergessen wir dabei noch etliche Parteien, aber das zeigt dann vor allem, dass „Kulturschaffende“ ein undefinierbarer Haufen ist, den man nicht begrifflich festhalten kann. Und es will sich doch auch keiner auf so etwas festlegen (lassen).
Kann man mit einem geisteswissenschaftlichen dekonstruktivistischen Wir-können-sagen-warum-wir-Nix-sagen-können ein T-Shirt gewinnen. Wir glauben ja nicht. Darum noch mal die Frage, was eigentlich die Leute machen, die „Kulturschaffende“ heißen, und was nicht. Weil, ob die jetzt Schaffen, Produzieren, Anstoßen, oder Verdauen finden wir viel weniger interessant, als die Frage, was eigentlich (keine) Kultur ist. Oder ist Kultur doch einfach alles und „Kulturschaffende“ zeichnen sich durch einen besonderen Modus des Umgangs mit dem Alles aus, durch das „Schaffen“ eben, im Gegensatz zum Konsumieren?
Verdammt! Nicht das T-Shirt vergessen. Ähhh? Nein! Es bringt nix, für klare Kanten ist die Kultur einfach nicht zu haben. Trotzdem: Wenn man bis jetzt „Kulturschaffende“ sagen konnte, kann man auch was anderes sagen (oder das alte weiter, nur gibt es dafür kein T-Shirt). Wie wärs mit „Zivilisation“ statt „Kultur“? Das ist zwar genauso unbestimmt, klingt aber mehr nach Science fiction. Jetzt brauchen wir nur noch einen süßen Partnerbegriff für die „Zivilisation“ und die Liebesheirat ist perfekt. „Produktion“ ist immer noch so ein Erschaffen aus dem Nichts. Wir wollen mehr Umwälzung, Rekonfiguration und Anstoß, am besten vielleicht „Katalysator“? Zivilisationskatalysator. Viel zu lange, aber die Abgekürzten Formen stehen ja auch schon bereit. Also: Zivikat.

Foto von kewagi.