Kultur ist Nichts

Susanne Lederle fragt bei der „Berliner Gazette“, ein „digitales Mini-Feuilleton“ (wunderbar), in einem unterhaltsam-kritischen Text, nach einem Ersatz für den Begriff „Kulturschaffende“. Bleed hat uns hierdurch darauf aufmerksam gemacht, aber wir wollen es jetzt doch nicht bei einem Kommentar dort belassen.

„Schaffen“ ist bestimmt keine Perle moderner Sprachnutzung, zumindest in diesem Kontext nicht. Man „schafft“ eher Welten und Symphonien, scheint uns. Man „schafft“ aus dem Nichts; und gerade das widerspricht so sehr der Form, in der die meisten Medien und gerade Blogs arbeiten (nämlich indem sie sich gegenseitig beobachten und kommentieren), das es fast leicht scheint, etwas passenderes als „Schaffen“ zu „schaffen“, einzuführen (nein), zu produzieren (hmm?), anzustoßen (ok, weil mehr auf Zusammenhänge bedacht). Aber durch eine bloße Ersetzung von „Schaffende“ ist gar nix gewonnen. „Kulturanstoßende“ ist wahrscheinlich nur das Bescheuertste unter allen möglichen Endungen und Formen für „Kultur“.
Denn wie auch bei Susanne Lederle finden wir die Fragwürdigkeit des Begriffs „Kultur“ führend. Kultur ist das Problem. Soweit wir das überblicken können, gibt es da natürlich auch schon länger eine ausgiebige akademische Diskussion zu, und als Luhmann-Sympathisant haben wir natürlich (wie auf alle Fragen) sofort eine knackige Antwort parat: Kultur ist der Name des Gedächtnisses der modernen Gesellschaft. So. Wäre das also geklärt.
Natürlich nicht. Obwohl es schon ein schöner Hinweis darauf ist, dass „Kultur“ potenziell mal alles sein/werden kann. So kommt „Kultur“ dann auch einerseits als Leerformel für eine angebliche Gesamtbeschreibung gesellschaftlicher Zuständen daher („Der Chinese an sich hat ja schon eine ganz andere Kultur“). Andererseits ist es aber auch oft genug als als Synonym für „Kunst“ zu lesen und hören. Zweites ist zwar immer noch komisch und scheinbar überflüssig, aber wir sind hier schon näher an den verflixten „Kulturschaffenden“ dran. Zu den Kunstherstellern komme aber noch mindestens die professionellen Kunstbetrachter und -kommentierer, und außerdem die, die über künstlerisch-literarische Mittel irgendwas beschreiben (Feuilleton). Vielleicht muss man auch noch die dazu nehmen, die etwas machen, was sich viele (noch) nicht Kunst zu nennen trauen (z.B. Techno ist dann „Dienstleistung“ oder eben „Jugendkultur“). Da sind dann schon wesentlich mehr dabei, als im klassischen Künstlerbegriff eingesperrt waren. Wahrscheinlich vergessen wir dabei noch etliche Parteien, aber das zeigt dann vor allem, dass „Kulturschaffende“ ein undefinierbarer Haufen ist, den man nicht begrifflich festhalten kann. Und es will sich doch auch keiner auf so etwas festlegen (lassen).
Kann man mit einem geisteswissenschaftlichen dekonstruktivistischen Wir-können-sagen-warum-wir-Nix-sagen-können ein T-Shirt gewinnen. Wir glauben ja nicht. Darum noch mal die Frage, was eigentlich die Leute machen, die „Kulturschaffende“ heißen, und was nicht. Weil, ob die jetzt Schaffen, Produzieren, Anstoßen, oder Verdauen finden wir viel weniger interessant, als die Frage, was eigentlich (keine) Kultur ist. Oder ist Kultur doch einfach alles und „Kulturschaffende“ zeichnen sich durch einen besonderen Modus des Umgangs mit dem Alles aus, durch das „Schaffen“ eben, im Gegensatz zum Konsumieren?
Verdammt! Nicht das T-Shirt vergessen. Ähhh? Nein! Es bringt nix, für klare Kanten ist die Kultur einfach nicht zu haben. Trotzdem: Wenn man bis jetzt „Kulturschaffende“ sagen konnte, kann man auch was anderes sagen (oder das alte weiter, nur gibt es dafür kein T-Shirt). Wie wärs mit „Zivilisation“ statt „Kultur“? Das ist zwar genauso unbestimmt, klingt aber mehr nach Science fiction. Jetzt brauchen wir nur noch einen süßen Partnerbegriff für die „Zivilisation“ und die Liebesheirat ist perfekt. „Produktion“ ist immer noch so ein Erschaffen aus dem Nichts. Wir wollen mehr Umwälzung, Rekonfiguration und Anstoß, am besten vielleicht „Katalysator“? Zivilisationskatalysator. Viel zu lange, aber die Abgekürzten Formen stehen ja auch schon bereit. Also: Zivikat.

Foto von kewagi.

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